Sie sind der 1. Vorstand des Gleitschirmclub Neckar-Odenwald. Erzählen Sie uns ein wenig über Ihren Verein, seine Entstehungsgeschichte und wie Sie zu diesem gekommen sind.

Der Gleitschirmclub Neckar-Odenwald wurde im Jahre 1993 gegründet. Aus den damals 10 bis 20 Gründungsmitgliedern ist der Verein derzeit auf 99 aktive Mitglieder angewachsen. Wir fliegen an den Hängen des Neckartals. Aus dem einen Ursprungsgelände, dem Schreckhof bei Mosbach-Diedesheim, sind es mittlerweile vier Startgelände geworden. Dennoch dreht sich alles um den Schreckhof, es ist einfach das schönste Fluggelände.
Der Schreckhof ist Ausgangspunkt vieler schönerer Streckenflüge. Der bislang weiteste war letztes Jahr, unser Martin LAIBLE flog 182 Kilometer bis nach Thüringen und das alles ohne Motor. Das ist es was auch den Reiz des Gleitschirmfliegens ausmacht, Fliegen im Einklang mit der Natur.
Ich selbst bin ebenfalls von dem „Streckenflugvirus“ seit dem Jahr 2008 infiziert worden. Aber so weite Strecken wie unsere Cracks Martin LAIBLE, Maik REISS, Rainer TRUNK, WOLFGANG TRUI, Ralf KAUFMANN, Manfred ZENKER und Rolf RINKLIN sind mir bis jetzt noch nicht gelungen. Mein weitester Flug bislang war letztes Jahr vom Taubertal bis in den Kraichgau, das waren 57 Kilometer Luftlinie. Für den Flug habe ich drei Stunden gebraucht, es war ein echt tolles Gefühl so weit mit dem Schirm zu fliegen (doch dazu berichte ich noch später etwas mehr)…

Ich selbst fliege seit 1978 motorlos, ich bin jetzt 53 Jahres alt und habe mit dem Drachenfliegen angefangen. Damals waren wir die ersten Drachenflieger am Schreckhof. Der Verein heißt DELTA-CLUB Mosbach e. V., bei dem Verein bin ich noch 2. Vorsitzender, obwohl ich nicht mehr Drachen fliege. Beide Vereine benutzen den gleichen Berg für ihre Flüge, und die gleiche Luft. Das Ganze verläuft mittlerweile reibungslos, 1993 war das noch nicht so. Da waren die Drachenflieger in der Überzahl, und hatten Angst, dass die Gleitschirmfliegen überhand nehmen und ihnen den Berg streitig machen könnten. Gott sei Dank ist das seit fünf bis sechs Jahren nicht mehr so, es ist ein tolles Miteinander zwischen den Gleitschirmfliegern und den übrig gebliebenen Drachenfliegern.

Jetzt zu meiner Gleitschirmfliegerei. 1996 hat mir meine Familie zum 40.sten Geburtstag einen Gutschein über einen Grundkurs für´s Gleitschirmfliegen geschenkt. 1993 hatte ich das Gleitschirmfliegen schon mal kurz probiert, eigentlich hat mich die Einfachheit schon damals fasziniert. Aber ich war von der Flugleistung der damaligen Geräte noch nicht so überzeugt, da ich als Drachenflieger bessere Gleitleistung gewohnt war. Deswegen habe ich es damit bewenden lassen. Aber 1996 sah ich den ersten Gleitschirmflieger der sich wirklich längere Zeit am Schreckhof halten konnten und hin- und hergesoart (am Hang hin- und hergeflogen) ist, er musste nicht landen und hatte sogar Startüberhöhung. Jetzt wurde die Sache für mich interessant. 1997 habe ich dann letztendlich mit dem Grundkurs angefangen, und war dann schlussendlich 1998 fix und fertiger Gleitschirmpilot. Jetzt hatte ich den Schein, und konnte alleine fliegen. Ich hatte über ein Jahr für die Ausbildung gebraucht. Das lag nicht alleine an mir, sondern an der Schule, am Wetter und an der Zeit. Aber eigentlich so richtig eilig hatte ich es eh nicht, da ich nach wie vor noch Drachen flog. So richtig Gleitschirm geflogen bin ich ab dem Jahre 1999, da habe ich mir eine nagelneue Ausrüstung gekauft. Der Schirm war ein Arcus von der Firma SWING. Ein Referenzgerät für andere Hersteller. Der war einfach zu fliegen, absolut anfängertauglich und hatte dazu noch eine passable Flugleistung. Mit dem Schirm war „oben bleiben“ plötzlich keine Zauberei mehr und für fast alle möglich.

In den Gleitschirmclub Neckar-Odenwald bin ich 1998 eingetreten. Schon damals war das Vereinsleben total aktiv. Da war was los am Hang, da wurden Ausflüge gemacht, da wurde gefeiert usw., also voll was los.

Bei den Drachenfliegern war der BOOM vorbei, da war alles schon rückläufig. Klar waren da noch ein paar dabei, die geflogen sind, aber bei den Gleitschirmfliegern, das war eine neue Szene, obwohl die den Zenit im Jahre 1998 eigentlich auch schon überschritten hat. Die Hochzeit war bei den Gleitschirmfliegern 1990 bis 1993. Auf jeden Fall hat es mir bei den Gleitschirmfliegern von Anfang an gefallen.

2003 wurde ich dann zum Vorstand des Gleitschirmclubs Neckar-Odenwald gewählt. Seither hatte ich das Amt inne. Den Verein zu führen fiel mir nicht schwer, da ich von meinem restlichen Vorstandsteam tatkräftig unterstützt wurde und hierbei auch den notwendigen Rückhalt erfahren habe.
Der Verein ist sehr innovativ, dieses Jahr spenden wir eintausend Euro an die Deutsche Kinderkrebshilfe. Den Großteil des Betrages haben unsere Tandempiloten eingeflogen. Bei uns kann man am Tandemgleitschirm als Passagier in die Luft kommen. Wir haben es dem Passagier überlassen, was ihm der Flug wert war und ihm gesagt, dass wir seinen Beitrag spenden werden. Das hat allen Passagieren gefallen. Die Spendensache mit den Passagierflügen lassen wir dieses Jahr weiterlaufen… dieses Jahr geht´s an die Bürgerstiftung der Gemeinde Obrigheim. Die Gemeinde Obrigheim verdoppelt dann den Betrag noch einmal, d. h. wenn wir eintausend Euro einfliegen, legt die Gemeinde noch mal eintausend drauf, und es kommen dann zweitausend Euro für einen guten Zweck zusammen, allein durch eine Sache die auch noch einen riesen Spaß macht.

Dennoch habe ich mich dieses Jahr nicht mehr zur Wahl als Vorstand zur Verfügung gestellt. Ich möchte einfach mehr Abstand zu der Verwaltungssache und Abstand zur Verantwortung gewinnen, eigentlich möchte ich nur noch fliegen, so lange es mir möglich ist. Den Zustand des freien Fliegens möchte ich noch etliche Jahre erleben.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Flug, was ging Ihnen dabei durch den Kopf und wie hat sich Ihre Leidenschaft zu diesem Sport seitdem entwickelt? Was denken Sie macht für die Sportler und Fans des Sports, aber auch für Sie persönlich die Faszination, den besonderen Reiz am Gleitschirmfliegen aus?

Der erste Start mit Drachen am Übungshang mit nur ein paar Metern Höhenunterschied war überwältigend. Es war eigentlich das Gefühl des Abhebens, wenn man den Hang im Gegenwind hinunterläuft, und dann die Füsse den Boden verlieren. Das ist unbeschreiblich, das muss man einfach erlebt haben. Beim Gleitschirmfliegen ist es das gleiche, man spielt am Startplatz mit dem Schirm im Wind, und hebt dann ab.
Der Reiz dieses Fliegens ist die Einfachheit der Fluggeräte. Ein Gleitschirm passt in den Kofferraum, man kann ihn im Packsack auf dem Rücken zum Startplatz tragen. Bei Drachen ist es fast ähnlich, nur ein bisschen größer und schwerer. Wir haben keinen Flugplatzzwang wie bei Sport- oder Segelfliegen. Dennoch haben wir Regeln und Bestimmungen, die eingehalten werden müssen. Diese Einfachheit ist es was mich persönlich fasziniert, dieses Minimum an Aufwand. Ich selbst möchte mich schon als Minimalist bezeichnen.
Dennoch werden heute große Strecken, damit meine ich Flüge von 200 bis 490 km, mit dem Gleitschirm von unseren Hochleistungssportlern geflogen.

Jeder Sport verändert sich mit der Zeit. Welche Entwicklungen/ Trends sehen Sie für das Gleitschirmfliegen für die Zukunft und welche Wünsche hätten Sie eventuell dahingehend?

Gleitschirmfliegen gibt es seit 20 Jahren. Damals in den Anfängen flogen die Piloten von den Bergen schnurstracks ins Tal, ohne irgendwelche Aufwindquellen nutzen zu können, weil die Schirme einfach nicht leistungsstark genug waren. Die Schirme hatte damals eine Gleitzahl von ca. 3 bis 4 (dh. auf ein Meter Sinken kam man vier Meter weit). Die Schirme sanken pro Sekunde ca. zwei bis drei Meter. Heutzutage hat ein einfacher Schirm (ein Schirm für den Normalpiloten) eine Gleitzahl von ca. acht oder neun, und ein Eigensinken von ca. 1,1 m pro Sekunde. Bei den Hochleistern spricht man von Gleitzahlen von um die zehn. Das ist ein gewaltiger Leistungssprung.
Ich denke dass die Leistungssteigerung in kleinen Schritten weitergeht und die Schirme noch sicherer werden.

Was sind die größten Risiken und Gefahren beim Gleitschirmfliegen? Wie kann man diese im Vorfeld eventuell bereits erkennen und welche körperliche Verfassung muss man mitbringen?

Gleitschirmfliegen ist ein Flugsport, beim Fliegen kann man leider abstürzen, sich ernsthaft verletzen oder zu Tode kommen. Das lässt sich nicht unter den Tisch kehren, diese Gefahr ist da.
Dennoch lassen sich viele Risikofaktoren ausgrenzen bzw. minimieren. Gleitschirmfliegen ist ein Schwachwindsport. Der Gleitschirm macht im Normalflug eine Vorwärtsfahrt von ca. 40 km/h. Wenn die Windgeschwindigkeit zu hoch ist, damit meine ich über 25 km/h sollte man nicht fliegen. Ebenso sollte man nicht fliegen wenn es böig ist, oder eine Gewitterfront im Anzug ist.
Wenn ich körperlich oder mental nicht auf der Höhe bin, sollte ich für diese Zeit eben nicht fliegen. Dann sollte man ein Gerät fliegen, das man beherrscht. Wenn man wie ich z. B. maximal auf zwanzig Flugstunden kommt, dann hat man meiner Meinung nach unter einem Hochleister (2-3er) nichts verloren, dann reicht ein Einsergerät oder ein Eins bis Zweier. Also man sollte sich nicht überschätzen, nicht bei den Flugbedingungen und auch nicht in der Gerätewahl.
Natürlich gibt es Ausnahmepiloten, die können fast jedes Gerät und fast bei jedem Wetter fliegen, aber die können das wirklich.

Gibt es Dinge (Erlebnisse, Spots, Events, etc.) die Sie jedem Gleitschirmflieger ans Herz legen würden? Und was waren bislang Ihre ganz persönlichen Highlights? Erzählen Sie ein wenig.

Also man sollte wirklich nur fliegen wenn man sich fit fühlt und mit den Bedingungen zu recht kommt, nur dann macht der Flug wirklich Spass. Lieber stehe ich am Boden und wünsche mich in die Luft, als dass ich in der Luft bin und mich auf den Boden sehne. Also lieber mal auf einen Flug verzichten, wenn es einem nicht danach ist, oder einem die Bedingungen nicht gefallen.

Absolute Highlights sind Flüge in den Alpen, auch wenn es manchmal nur Gleitflüge sind. Wenn es dann noch thermisch geht, und die Thermik nicht zu bockig ist und die Flüge länger sind, dann war es einfach genial einen Ausflug an den Alpenrand gemacht zu haben. Es ist einfach das gigantische Panorama für mich als Flachländer. Empfehlen kann ich Tannheim, Westendorf oder die Wildschönau in Tirol. Wo ich mal unbedingt hin will, an die Dune de Pilat bei Bordeaux. Einfach mal an der Küste bei laminarem Seewind soaren. Das wollte ich mit dem Drachen schon, vielleicht klappt es mal mit dem Gleitschirm.

Welche Tipps würden Sie jemanden mit auf den Weg geben, der ernsthaft mit diesem Sport anfangen möchte. Worauf sollte dieser achten, welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein und welches Equipment benötigt man?

Erst mal ein Schnupperwochenende bei einer großen Flugschule belegen. Wenn es einem gefällt einfach weitermachen bei dieser Flugschule. Ein gescheites Equipment (anfängergerecht) bei dieser Flugschule kaufen, tja und dann fliegen, fliegen, fliegen und fliegen wenn das Wetter passt.
Fliegen sollte man nicht wenn man Zeit hat, fliegen sollte man wenn es geht.

Ich wünsche Euch allen immer eine handbreit Luft unter dem Hintern.

(Quelle: hobbymap.de)

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